Die gefährlichsten Städte Lateinamerikas

Drogenbanden verbreiten Terror und Schrecken in den gefährlichsten Großstädten Lateinamerikas. Die Mordraten sind so hoch wie fast nirgendwo sonst auf der Welt.

Grausame Nachrichten von Massakern erreichen uns fast wöchentlich aus den Hochburgen der lateinamerikanischen Drogenmafia. So fielen allein im Januar 2012 in Mexiko 960 Menschen der nackten Gewalt zum Opfer. Kein Wunder also, dass fünf mexikanische Großstädte zu den zehn kriminellsten Städten Lateinamerikas gehören, wie eine mexikanische Studie belegt.

Besonders die Grenzstadt Juárez macht fortwährend Negativschlagzeilen: Seitdem in Mexiko der Drogenkrieg tobt, werden hier jeden Tag im Schnitt sieben Menschen umgebracht. Zwar hat Juárez laut der Erhebung ihren ersten Platz in der Kriminalitätsstatistik 2011 an das honduranische San Pedro Sula abgetreten – doch das bedeutet keinesfalls, dass die mexikanische Stadt sicherer geworden ist.

Im Gegenteil: Vor allem in Nordmexiko – im Grenzgebiet zu den USA – tobt seit Jahren ein erbarmungsloser Krieg zwischen den Drogenkartellen um die Schmuggelrouten in die Vereinigten Staaten. Seit dem Amtsantritt des mexikanischen Präsidenten Calderón 2006 gab es in ganz Mexiko bereits über 50.000 Tote im Drogenkrieg. Und besonders in Juárez kennt die Brutalität keine Grenzen.

Auch die mittelamerikanischen Länder Honduras und El Salvador haben in den letzten Jahren besonders traurigen Ruhm erlangt: Aufgrund der hohen Gewaltbereitschaft gehören sie inzwischen zu den gefährlichsten Ländern der Welt. In Honduras hat die Kriminalität laut Auswärtigem Amt ein alarmierendes Ausmaß angenommen. Auch in El Salvador, das nicht größer als Hessen ist, werden mehr als zehn Menschen täglich umgebracht.

Brasilien ist ebenfalls in dieser negativen Top-Ten-Liste vertreten: Doch nicht etwa Großstadt-Moloche wie São Paulo oder Rio, sondern das Touristen-Eldorado Maceió im Nordosten des Landes belegt Platz drei. Gleich darauf folgt Mexikos tropischer Badeort Acapulco, der zurzeit alles andere als paradiesisch ist: Hier bekämpft sich die Drogenmafia auf offener Straße; es kommt immer wieder zu Schießereien. Um die Sicherheit der venezolanischen Hauptstadt ist es ebenfalls nicht besser bestellt: In Caracas sind Straßenkriminalität, Entführungen und Erpressungen an der Tagesordnung.

Doch trotz dieser erschreckenden Fakten sollte man sich auch vor Augen führen: Neben diesen gewalttätigen Städten bieten Länder wie Mexiko und Brasilien auch viele interessante, sichere Orte. Sie liegen Tausende Kilometer vom Verbrechen entfernt und kennen Drogenkriege nur aus dem Fernsehen. Und in einigen Großstädten ist die Gefahr nicht in jedem Viertel gleich groß. Deshalb sollte man lieber von vornherein bestimmte Gegenden meiden, sich aber nicht den Spaß am Reisen in Lateinamerika verderben lassen!

Quelle: Consejo Ciudadano para la Seguridad Pública y la Justicia Penal A.C., 2012

1. San Pedro Sula / Honduras

Ort des Grauens

Mit 159 Morden auf 100.000 Einwohner ist San Pedro Sula nicht nur die gefährlichste Stadt Lateinamerikas, sondern der ganzen Welt. Die mit zirka 720.000 Einwohnern zweitgrößte City von Honduras hat 2011 in Sachen Verbrechen sogar die berüchtigte Ciudad Juárez überholt (wobei sich da die Experten aufgrund der hohen Mord-Dunkelziffer in Juárez streiten).

Dabei stand die honduranische Großstadt in der Vergangenheit mit ihren Sehenswürdigkeiten und als Ausgangspunkt zur Maya-Ruinenstätte Copán und in den Nebelwald auch bei Touristen hoch im Kurs. Doch in San Pedro Sula, wo extreme Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit die Kriminalitätsrate weiter in die Höhe treiben, regiert jetzt das Verbrechen. Vor allem bewaffnete Jugendbanden („Maras“) verbreiten mit Mafia-Methoden Angst und Schrecken unter der Bevölkerung. Viele Einwohner tragen inzwischen zu ihrem eigenen Schutz eine Waffe.

Die Maras und andere Kriminelle verdienen ihr Geld mit Prostitution, Drogenhandel, Waffengeschäften, Erpressungen und Diebstahl. Bewaffnete Raubüberfälle verlaufen besonders brutal; oft stehen die Täter unter Drogeneinfluss. Ein Menschenleben ist nichts wert in dieser Stadt, auch Kinder geraten immer öfter zwischen die Fronten und sterben im Kugelhagel.

Wer trotz dieser Gefahren nach San Pedro Sula reisen muss, sollte nachts nicht mehr das Haus oder Hotel verlassen. Auch ein kurzer Spaziergang kann schon tödlich enden. Busfahrten sind grundsätzlich zu vermeiden, da es zu Überfällen kommen kann. Auch bei Taxis ist Vorsicht angesagt: Am besten man steigt nur bei einem Taxifahrer ein, den man persönlich kennt.

2. Ciudad Juárez / Mexiko

Wie im Krieg

Abgetrennte Köpfe, verstümmelte Leichen, lebendig begrabene Opfer, massakrierte Schüler: Das sind keine Szenen aus einem Kriegsfilm, sondern das alltägliche Grauen im nordmexikanischen Ciudad Juárez. Alle zwei bis drei Stunden wird hier ein Mensch getötet. 2011 ließen insgesamt fast 2.000 Personen ihr Leben. Niemand in der City weiß genau, ob er überhaupt den nächsten Tag erlebt. Wer kann, packt seine Sachen und sucht das Weite.

Schuld an der katastrophalen Situation ist vor allem die geografische Lage der 1,3-Millionen-Stadt direkt an der Grenze zum US-Bundesstaat Texas und zur amerikanischen City El Paso. Über Juárez werden gigantische Mengen Kokain und Heroin in die USA geschmuggelt. Drogenfahnder schätzen, dass fast 90 Prozent des US-Bedarfs an Kokain auf diesem Weg in die Staaten gelangt.

Umgekehrt versorgen sich die Kartelle beim nördlichen Nachbarn mit Waffen, die sie im Kampf um die Vorherrschaft im milliardenschweren Drogenhandel zum Einsatz bringen. Ein Auftragsmord kostet in der Ciudad rund 250 Dollar, viele der Mörder sind noch halbe Kinder.

Nachdem Präsident Calderón bei seinem Amtsantritt 2006 den Drogenbaronen den Krieg erklärte und mehr als 10.000 Sicherheitskräfte nach Juárez schickte, ist die Gewalt weiter eskaliert. Zudem lassen sich viele Staatsdiener – vom einfachen Polizisten bis hin zum hohen Beamten – von den Kartellen kaufen und bessern ihre Gehälter mit Drogen- und Waffenhandel oder sogar Auftragsmorden auf.

Doch bereits vor dieser Gewaltwelle war Juárez zwischen 1993 und 2005 mit einer grausamen, ungeklärten Mordserie an Hunderten junger Frauen in die internationalen Schlagzeilen geraten. Vorwiegend Fabrikarbeiterinnen zwischen 13 und 25 Jahren wurden entführt, gefoltert, vergewaltigt und anschließend in der Wüste vergraben. Bis heute konnten viele der Morde und Entführungen nicht aufgeklärt werden. Viele Frauen bleiben weiter verschwunden.

3. Maceió / Brasilien

Inferno im Paradies

Für viele kommt diese Nachricht überraschend: Im Vergleich mit anderen Hauptstädten brasilianischer Bundesstaaten führt Maceió die Verbrechensstatistik an. In Lateinamerika liegt die 1,1-Millionen-City an dritter Stelle. Wurden im Jahr 2000 360 Morde registriert, waren es 2010 schon 1.025. 2011 kletterte die Zahl sogar auf 1.564, das sind rund 135 Morde auf 100.000 Einwohner.

Dabei steht die Hauptstadt von Alagoas im Nordosten Brasiliens mit ihrem tropischen Flair, Korallenriffs und Bilderbuchstränden bei Touristen hoch im Kurs. Doch im Gegensatz zu São Paulo und Rio de Janeiro, wo die Kriminalität in den letzten zehn Jahren aufgrund des wirtschaftlichen Wachstums und verbesserter Lebensbedingungen kontinuierlich zurückgegangen ist, hat sich die Sicherheitslage in Alagoas und besonders in Maceió dramatisch verschlechtert.

Trotz Tourismusindustrie herrscht hier überdurchschnittlich viel Armut und soziale Ungerechtigkeit. In Alagoas lebt über die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, etwa ein Viertel kann weder lesen noch schreiben. Vor allem in den 15 großen Favelas (Slums) von Maceió herrschen unhaltbare Zustände.

Mit der Perspektivlosigkeit steigen Unzufriedenheit, Alkohol- und Drogenkonsum. Vor allem Crack wird für die hohe Gewaltbereitschaft verantwortlich gemacht. Drei Euro Schulden beim Dealer bezahlen viele Jugendliche schon mit dem Leben. Freunde töten sich gegenseitig, Mütter verlieren mehr Söhne als zu Kriegszeiten. Bei den Mordopfern handelt es sich vorwiegend um junge, drogenabhängige, arbeitslose Analphabeten. Zudem werden unter den Zuckerrohrbauern und Viehzüchtern Rechnungen oft mit Fäusten und Messern beglichen – oder gleich per Auftragskiller.

Offizielle Stellen verkünden, dass Touristen bei den Gemetzeln nicht zu Schaden kommen, denn das Verbrechen tobe ja an der Peripherie, sprich in den Favelas. Doch wer will das schon riskieren?

4. Acapulco / Mexiko

Killer im Seebad

Abgeschlagene Menschenköpfe, bewaffnete Überfälle und mehr als 1.000 Morde im Jahr – sieht so das Paradies aus? Obwohl mexikanische Behörden die hohe Verbrechensrate in Acapulco herunterspielen, verspricht ein Aufenthalt im pazifischen Seebad derzeit bestimmt keine erholsamen Urlaubstage.

Vor wenigen Jahrzehnten noch galt Acapulco als mondäner Ferienort, doch seit ein paar Jahren hat die Drogenmafia die Stadt in ihrem Würgegriff. Das Auswärtige Amt ruft ausdrücklich zur Vorsicht auf, da es in der Stadt nach Verhaftungen und dem Tod von Chefs des Beltran-Leyva-Kartells vermehrt zu „Nachfolgekämpfen mit Morden und Schießereien in den Straßen“ kommt.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Menschen auf brutale Weise umgebracht werden. So wurden an einem Samstag im Januar 2012 15 enthauptete Männer auf dem Bürgersteig nahe eines Einkaufszentrums gefunden, darunter auch zwei 17-Jährige. Ein paar Stunden später stieß die Polizei auf sechs weitere Tote in einem Taxi. Bis Sonntagabend erhöhte sich die Zahl der Ermordeten auf mindestens 28.

Anfang April lieferten sich die Banditen Feuergefechte mit den Sicherheitskräften, nachdem sie über 100 Straßenstände angezündet hatten. Bei ihrem Rückzug warfen sie angeblich sogar Granaten in ein Shopping-Center mit Kinos und Restaurants. Der Bau brannte komplett aus und mehrere Menschen starben.

An einem Wochenende im Mai lagen in verschiedenen Stadtteilen über zehn Leichen auf der Straße – zwei Menschen waren geköpft und ihre Körperteile auf dem Boden verstreut worden.

5. Distrito Central / Honduras

Hier wird scharf geschossen

Auch in den Zwillingsstädten Tegucigalpa und Comayagüela (Distrito Central) sind Mord und Totschlag an der Tagesordnung. „Entführungen und Überfälle unter Schusswaffengebrauch nehmen zu“, warnt das Auswärtige Amt. 1.123 Morde wurden 2011 im Distrito Central registriert – das sind bei rund 1,13 Millionen Einwohnern fast 100 Morde pro 100.000 Einwohner (Landesdurchschnitt: 82 Morde auf 100.000 Einwohner). Über 40 Prozent der Todesfälle werden mit dem organisierten Verbrechen in Zusammenhang gebracht.

Seit den 1990er-Jahren wächst die Einwohnerzahl in Honduras Hauptstadt Tegucigalpa stetig. Viele Menschen finden keine Arbeit und gleiten in extreme Armut ab, die Zahl der Verbrechen steigt unaufhaltsam. Straßenbanden und Drogengangs halten die Stadt mit Kidnapping, Vergewaltigungen, Morden, bewaffneten Raubüberfällen, Carjacking und Einbrüchen in Atem. Spaziergänge in menschenleeren Straßen können lebensgefährlich werden, denn Kriminelle verfolgen die Passanten oft im Pkw, um sie dann brutal zu überfallen.

2012 zog das „Peace Corps“ seine Freiwilligen aus Honduras ab, weil ihre Sicherheit nicht mehr garantiert werden konnte. Und nicht selten wird die Armee zu Hilfe gerufen, um die kriminellen Banden auf den Straßen in Schach zu halten.

Auch Reisende bleiben nicht vom Verbrechen verschont, denn – egal, ob Student, kleiner Angestellter oder Gutverdienender – für viele Honduraner sind westliche Ausländer „reich“. Schon öfter mussten hohe Lösegeldsummen gezahlt werden, um zum Beispiel entführte Amerikaner wieder aus den Fängen der Kriminellen zu befreien.

Beim Besuch der „Basílica de Suyapa“, der Hauptsehenswürdigkeit Tegucigalpas, ist besondere Vorsicht geboten. Sie liegt strategisch ungünstig in einem sehr gefährlichen Stadtviertel. Da hier schon viele Touristen mit vorgehaltener Waffe überfallen und ausgeraubt wurden, ist es ratsam, die Kirche nur in der Gruppe und mit bewaffnetem Begleitschutz zu besichtigen.

6. Caracas / Venezuela

Hauptstadt des Verbrechens

Wer in Caracas zur falschen Zeit am falschen Ort ist, bezahlt das oft mit dem Leben. Die Sicherheitslage hat sich seit der Machtübernahme von Hugo Chávez drastisch verschärft und die venezolanische Metropole zur gefährlichsten Hauptstadt Südamerikas werden lassen. Auch im Weltmaßstab liegt sie mit ihrer hohen Gewaltkriminalität weit vorn. Die ehemals berüchtigten Städte São Paulo und Medellin hat Caracas in Sachen Verbrechen schon lange überholt.

In den Elendsvierteln an den Berghängen des Ávila-Gebirges im Osten und Westen der 3,2-Millionen-Stadt hat das organisierte Verbrechen die Oberhand. Machtkämpfe zwischen Drogengangs beziehungsweise Jugendbanden und ständiges Blutvergießen bestimmen den Alltag der Einwohner. Hier wird schnell geschossen und ohne mit der Wimper zu zucken getötet. Manchmal geht es dabei nur um ein geklautes Fahrrad, eine schlecht genähte Hose oder eine Tüte Popcorn.

Wochenende für Wochenende werden von Kugeln zerlöcherte Leichen in die Pathologie der Hauptstadt eingeliefert. Montags veröffentlichen dann Fernsehen, Radio und Zeitungen die Mordraten vom Wochenende (normalerweise gibt es zwischen 90 und 150 Opfer).

In ganz Venezuela wurden 2011 rund 19.000 Menschen umgebracht, allein in Caracas starben 3.200 Personen. Viele machen für die schreckliche Sicherheitslage – neben sozialen und politischen Problemen – auch die Millionen illegaler Schusswaffen verantwortlich, die in Umlauf sind und mit denen hemmungslos alte Rechnungen beglichen werden. Schätzungsweise 90 Prozent aller Gewaltverbrechen bleiben unaufgeklärt.

7. Torreón (metropolitana) / Mexiko

Korruption ist an der Tagesordnung

Torreón, 1.000 Kilometer nördlich von Mexico City, ist zwar ein wichtiges Wirtschafts- und Industriezentrum, in Sachen Kriminalität belegt die 1,2-Millionen-Metropole jedoch einen unrühmlichen dritten Platz innerhalb Mexikos. Rund 88 Morde kommen auf je 100.000 Einwohner. 2011 wurden hier ca. 990 Menschen umgebracht. Die Zahl der Morde verdoppelte sich sogar zwischen 2009 und 2010. Fast die Hälfte der Opfer ist unter 30 und auch Kinder sterben bei den Gewaltverbrechen.

Fast alle Gräueltaten haben mit dem Drogenkrieg zu tun, der das Land in Atem hält. So kann es passieren, dass in Torreón korrupte Gefängnis-Chefs ihren Insassen über Nacht Ausgang geben – und sogar noch mit Waffen versorgen, damit sie konkurrierende Gangs aus dem Weg räumen können. 2010 war das zum Beispiel der Fall. Bei drei Überfällen starben mindestens 35 Menschen.

Auch Partys enden nicht selten mit einem Blutbad. In der City, die große soziale Probleme hat, wurden 17 Jugendliche niedergemetzelt, als sie unbeschwert feierten. Ihre Mörder tauchten plötzlich im Saal auf, blockierten die Ausgänge und begannen, in die Menge zu ballern. Neben den Gästen, die offensichtlich zu einer rivalisierenden Drogenbande gehörten, starben auch mehrere Bandmitglieder. Massenmorde in Bars, bei denen oft Unschuldige sterben, gehören in Torreón ebenfalls zur traurigen Realität.

Und vor kurzem machte Torreón Schlagzeilen, als bewaffnete Männer eine Drogenentzugsklinik in der City stürmten und wild um sich schossen. Elf Menschen starben, viele wurden verwundet.

8. Chihuahua / Mexiko

In der Drogeneinfuhrschneise

Wie auch andere Städte Nordmexikos leidet Chihuahua unter dem erbarmungslosen Drogenkrieg, den sich die Kartelle seit über fünf Jahren in der Gegend liefern. In Sachen Verbrechen schlägt der gleichnamige Bundesstaat sogar Afghanistan: Hier werden mehr Menschen umgebracht als in dem asiatischen Krisengebiet. Denn Chihuahua liegt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Drogen in Milliardenhöhe werden quer durch die Region in Richtung Norden geschleust.

Zwar ist die Hauptstadt Chihuahua nach mexikanischen Maßstäben nicht ganz so gefährlich wie Juárez. Dennoch sprechen die Zahlen eine erschreckend deutliche Sprache: 2011 wurden in der City mit rund 832.000 Einwohnern 690 Menschen getötet. Das sind 83 Tote auf 100.000 Einwohner. Oder anders ausgedrückt: Auch in Chihuahua sterben pro Tag im Schnitt zwei Menschen eines unnatürlichen Todes.

Im Visier der Killer stehen besonders Drogendealer und ihre Familien. Touristen sind kaum von den Gewalttätigkeiten betroffen, wenn sie sich vom kriminellen Milieu fernhalten und zum Beispiel nachts keine zwielichtigen Bars und Clubs aufsuchen. Militärposten in Chihuahua und auf den Zufahrtsstraßen in die Stadt sollen für mehr Sicherheit sorgen, was ihnen mehr oder weniger gut gelingt.

9. Durango / Mexiko

Mit den Drogen kommt der Tod

Durango wird auch „Perle von Guadiana“ genannt, wobei die City in Anbetracht der prekären Sicherheitslage im Moment wenig mit einem Idyll zu tun hat. „Victoria de Durango“, wie sie mit vollem Namen heißt, ist die fünftgefährlichste Stadt Mexikos und gehört zu den kriminellsten Orten der Welt. Hier starben 2011 474 begin_of_the_skype_highlighting KOSTENLOS 2011 474 end_of_the_skype_highlighting Menschen durch Gewalteinwirkung. Allein im April 2011 wurden zehn Leichen in einer Grube gefunden – zusammen mit drei Köpfen und vier Schädeln. Im gleichen Monat entdeckte man weitere 37 Tote in einem versteckten Grab.

Der Drogenkrieg kennt in der 594.000-Einwohner-Stadt kein Erbarmen. Auf 100.000 Menschen kommen mindestens 80 Morde. Auch in kleineren Orten im gleichnamigen Bundesstaat geht es nicht friedlicher zu. So musste ein ganzes Dorf evakuiert werden, nachdem die Einwohner von El Zapote Morddrohungen bekommen hatten und ihre Häuser und Autos von einer bewaffneten Bande niedergefackelt worden waren.

Doch nicht nur der Drogen-Durchgangsverkehr in die USA macht den Bundesstaat Durango zu einem gefährlichen Pflaster. Hier wird auch Rauschgift angebaut und produziert. Seit Jahrzehnten vergleicht man das Gebiet mit dem „Goldenen Dreieck“, denn zwischen der Sierra de Durango, Sinaloa und Chihuahua gedeihen Schlafmohn und Marihuana.

Inzwischen machen die Kartelle aber noch bessere Geschäfte mit synthetischen Drogen. Im letzten Jahr stieß die mexikanische Armee durch Zufall auf das größte „Narco-Labor“ des Landes: Auf 240 Hektar, in unmittelbarer Nähe eines Dorfes, waren die Gangster gerade dabei, 250 Kilo „Crystal“ zu verarbeiten. Damit hätten sie – bei einem geschätzten Marktpreis von 20.000 Dollar pro Kilo – einen satten Gewinn eingefahren.

Doch wenn ein Labor zerstört wird, entstehen drei neue. Und solange die Nachfrage nach Rauschgift weiter steigt und der Handel lukrative Einnahmen verspricht, wird auch der unbarmherzige Drogenkrieg kein Ende nehmen.

10. Belém / Brasilien

Katastrophale Zustände

Die zweitgefährlichste Stadt Brasiliens liegt – wie auch Maceió – im Nordosten des Landes. So wie auch viele andere lateinamerikanische Städte hat Belém mit Massenarmut, großen sozialen Gegensätzen und der Drogenkriminalität zu kämpfen. 1.639 Morde 2011 spiegeln die unhaltbaren Zustände in der 400 Jahre alten Stadt wider, in der derzeit rund 2,1 Millionen Menschen leben. Auf 100.000 Einwohner kommen rund 78 Morde pro Jahr. Mit anderen Worten: In Belém werden pro Tag mindestens vier Menschen umgebracht.

In der Hauptstadt von Pará leben mehr Menschen in Favelas (Slums) als in jeder anderen Hauptstadt eines brasilianischen Bundesstaates. Schätzungen zufolge sind es fast 55 Prozent. Und es kommt nicht selten vor, dass Luxusapartments von Armenvierteln umgeben sind, was wiederum die sozialen Spannungen erhöht.

Zudem ist das „Tor zum Amazonas“ zugleich ein Umschlagplatz für Drogen aus Kolumbien, Bolivien und Venezuela, die Belém über den Wasserweg erreichen. Von hier aus wird das Rauschgift in ganz Brasilien verteilt.

Die Drogenbosse sitzen vor allem in den Favelas, wo Gewalt und Gesetzlosigkeit regieren. Forscher sprechen sogar von einer noch größeren Aggressivität als in den Slums von Rio de Janeiro: In „Terra Firme“, einer großen Favela in Belém, in der es kaum Kanalisation gibt, demonstrieren die Drogenbosse ihre Macht mit Überfällen und Morden. Jedes Jahr nimmt die Gewalttätigkeit zwischen den rivalisierenden Drogenbanden weiter zu, die um Territorien und Märkte kämpfen. Die Anwohner leben in ständiger Angst vor Überfällen und fühlen sich den Banditen machtlos ausgeliefert. Wer angegriffen wird, schweigt. Sonst läuft er Gefahr, den nächsten Tag nicht mehr zu erleben.

Aber nicht nur in den Favelas, sondern in der gesamten Stadt haben die Einwohner Angst vor der Gewalt. Einige sind nicht in der Lage, arbeiten zu gehen – aus Furcht, nach einem Überfall zu sterben. Denn auch die medizinische Versorgung ist in Belém völlig unzureichend. Die Notaufnahmen der Krankenhäuser sind völlig überlastet und es fehlt einfach an allem.

Konstanze Pfeiffer

 

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